Ist Chinesisch Lernen wirklich Gehirnjogging?
Sieht das nicht fast wie die Relativitätstheorie aus? Meine Lehrerin Anna gibt sich grosse Mühe, Zusammenhänge herzustellen. (Bild: Andrea Freiermuth)

Ist Chinesisch Lernen wirklich Gehirnjogging?

Warum Chinesisch Lernen theoretisch ganz einfach, aber dennoch unendlich schwer ist. Und warum es sich trotzdem lohnt, genau diese Sprache zu erlernen.

Keine Tempi, keine Modi und keine Kasus: Egal ob werde, ist oder war; egal ob ich, du oder er; egal ob dem, des oder den Mann(es) – im Chinesischen bleibt das Verb beziehungsweise das Objekt immer gleich. Man reiht einfach ein Wort an das andere und muss höchsten bei deren Reihenfolge einige Regeln beachten.

Darum müsste Mandarin eigentlich der Traum eines jeden Sprachschülers sein. Allerdings gibt es einen Haken, oder besser gesagt zwei: Erstens die Töne, zweitens die Schriftzeichen. Vokale können flach, aufsteigend, gebogen, absteigend oder neutral gesprochen werden. Das ergibt dann etwa den folgenden Satz: Māma mà má mǎ ma? Was so viel heisst, wie «Schimpft die Mutter das Hanfpferd?»

100000 Schriftzeichen

Einverstanden: Das ist ein Satz, den man nicht unbedingt braucht. Aber er erklärt gut, warum ich oft nicht verstanden werde, wenn ich meinen Wortschatz auf der Strasse anwenden will – weil ich einfach nicht den richtigen Ton erwischt habe.

Und dann die Schriftzeichen: Wie viele es gibt, weiss niemand so genau. Schätzungsweise sind es aber über 100000. Es heisst, 3000 brauche man mindestens, um eine Zeitung lesen zu können. Für mich noch ein langer Weg, erkenne ich doch inzwischen erst rund 300 – und je mehr es werden, desto schwierig wird es, sie auseinanderzuhalten.

Mythen rund ums Chinesisch

Meine Gastschwester Yì Jia (5) übt schon fleissig. (Bild: Andrea Freiermuth)
Meine Gastschwester Yì Jia (5) übt schon fleissig. (Bild: Andrea Freiermuth)

Mir ist schleierhaft, wie die kleinen Chinesen das in ihren Kopf bringen. Zum Glück gibt es Zeichen, die sich immer wiederholen. So setzt sich das Schriftzeichen für Gebäude beispielsweise aus den Zeichen für «Reis», «Frau» und «Baum» zusammen. Mit etwas Fantasie erscheint einem dies schon fast logisch. Schliesslich waren chinesische Häuser einst aus Holz gefertigt und darin gab es in Regel Reis und Frauen. Leider gibt es aber auch viele Zeichen, bei denen man vergebens nach einem Zusammenhang sucht. Darum habe ich mich gefragt: Funktionieren die Gehirne von Chinesen vielleicht anders? Eben weil sie Zeichen lesen und schreiben und nicht mit dem vergleichsweise einfachen Alphabet grosswerden?

Tatsächlich findet man im Netz viele Aussagen in diese Richtung. Manchmal ist es die rechte, manchmal die linke Gehirnhälfte, die beim Lesen von Schriftzeichen aktiver sein soll als beim Lesen von alphabetischen Sprachen. Es gibt sogar eine Studie, die zeigt, dass Chinesisch sprechende Menschen mehr graue Zellen nutzen als solche, die Englisch sprechen. Oft heisst es im gleichen Atemzug, dass Chinesisch Lernen ein richtiges Gehirnjogging und damit besonders nützlich sei.

Warum sich Chinesisch dennoch lohnt

Und so sieht es bei der grossen Schwester Yì Chén (13) aus: Während der ganzen Primarstufe hat sie tapfer mindestens zwei Stunden am Tag geübt. (Bild: Andrea Freiermuth)
Und so sieht es bei der grossen Schwester Yì Chén (13) aus: Während der ganzen Primarstufe hat sie tapfer mindestens zwei Stunden am Tag geübt. (Bild: Andrea Freiermuth)

Der Mythos bröckelt allerdings: 2015 kam eine Kooperation von Wissenschaftlern aus vier verschiedenen Ländern zu einem anderen Ergebnis. In Taiwan, Israel, Amerika und Spanien haben Neurowissenschaftler die Gehirne von Versuchspersonen während dem Lesen der jeweiligen Landessprache gescannt. Sie konnten keine signifikanten Unterschiede feststellen.

Meine Motivation Chinesisch zu lernen, ist in erster Linie mein E-Bike-Projekt. Von Anfang an war klar: Auf meiner Strecke ist China das Land, in dem ich am meisten Zeit verbringe. Zudem musste ich eine sinnvolle Beschäftigung für die Winterpause finden. Die meisten meiner jungen Mitstudenten an der LTL Mandarin School erhoffen sich dank den Sprachkenntnissen einen Vorteil auf dem Arbeitsmarkt. Uns alle eint, dass wir es super spannend finden, wie anders China tickt, wie rasant sich das Land in den vergangenen Jahren entwickelt hat – und wie sein Einfluss auf die Welt zunehmend grösser wird.

Mit einem Pfeil wird das Leben kürzer

Und apropos Gehirnjogging: Ich bin überzeugt, dass meine grauen Zellen derzeit Höchstleistungen erbringen. Da kann sich die Wissenschaft noch so uneinig sein. Es gibt im Chinesischen praktisch kein Wort, das Ähnlichkeit zu seinem Pendant in einer mir bekannten Sprache hätte. Und die Schriftzeichen kann ich mir nur merken, wenn ich mir Eselsbrücken baue, was zum Teil recht absurde Geschichten ergibt. Wie etwa: Mit einem Pfeil wird das Leben kürzer – weil im Schriftzeichen für «kurz» das Zeichen für «Pfeil» steckt.

Okay, meine Lernstrategie hat sicher auch was mit meinem fortgeschrittenen Alter zu tun. Auf meine Frage, wie er sich den dieses oder jenes Zeichen merke, meinte einer meiner jungen Mitstudenten bloss: «Das merke ich mir einfach.»

Dieser Beitrag hat einen Kommentar

  1. Hallo Andrea, schön wieder von Dir zu hören. Klingt richtig spannend, Chinesisch zu lernen. Ich habe viel gelernt in Deinem Artikel über die Tücken der Sprache. Viel Spass noch und Gruss aus dem Wallis. Beate

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