Mit dem E-Bike auf dem Pamir-Highway
Im Pamir: Schotterstrasse und weite Hochebenen auf rund 4000 Meter über Meer.

Mit dem E-Bike auf dem Pamir-Highway

«Bei den wirklich interessanten Strecken gibt es wenig bis keine Steckdosen» oder «Bis Dushanbe mag es mit dem Pedelec noch gehen, aber der Rest des Pamirs hat oft genug Stromausfälle». Diese und ähnliche Aussagen in den Kommentarspalten auf meinen Blog-Post «Sechs Mythen zum E-Bike-Reisen» haben mich herausgefordert. Ich habe den Pamir-Highway in Angriff genommen und ich kann euch sagen: Es geht eben doch!

Eine Karawanserei mitten im Nirgendwo

Auch auf den letzten 900 Kilometern meiner Reise ging mir der Strom nie aus. Der Pamir war ein Teilstück mit zahlreichen Unbekannten. Dafür gab es viele positive Überraschungen. Die erste kam in Form eines Trucker-Stopps 30 Kilometer nach der chinesischen Grenze. Eine Art moderne Karawanserei mit Generator.

Eine moderne Karawanserei: Der Trucker-Stopp rund 30 Kilometer nach der chinesischen Grenze.
Eine moderne Karawanserei: Der Trucker-Stopp rund 30 Kilometer nach der chinesischen Grenze.

Meine Akkus waren jedoch zu diesem Zeitpunkt praktisch noch voll und so zapfte ich diese Stromquelle gar nicht erst an. In Murgab war ich dann aber froh um eine Steckdose: Die erste Ortschaft in Tadschikistan, 50 Schotterkilometer weiter, verfügt  seit vergangenem Jahr über ein kleines Wasserkraftwerk und ein in sich abgeschlossenes Stromnetz.

Der stromtechnisch schwierigste Abschnitt

Neben Saft für meine Akkus erhielt ich hier auch wertvolle Informationen: Etwa, dass mir bloss 320 Kilometer und 2000 Höhenmeter fehlten, um wieder ans reguläre Strommetz andocken zu können – und dass alle drei Dörfer auf diesem stromtechnisch schwierigen Abschnitt zwischen Murgab und Chorugh über Generatoren und Fotovoltaik-Anlagen verfügten. Ich wusste bloss nicht, ob die Spannung dieser Anlagen genug gross für meine Ladegeräte war.

Tankstelle in Murgab: Im Pamir ist nicht nur Strom, sondern auch Benzin keine Selbstverständlichkeit.
Tankstelle in Murgab: Im Pamir ist nicht nur Strom, sondern auch Benzin keine Selbstverständlichkeit.

Mein einziges Mal am Dieselgenerator

Meine beiden Akkus haben bei mittlerer Unterstützung über 2000 Höhenmeter eine Reichweite von rund 150 Kilometern. Ohne Nachladen, das wusste ich, würde ich Autostopp machen müssen.

An die Steckdose konnte ich aber bereits nach 105 Kilometern und 690 Höhenmetern in Alichur, das ich im Economy-Modus fahrend mit einem Akku erreichte. Hier checkte ich in ein Homestay ein. Nach Sonnenuntergang setzte der Gastgeber den Dieselgenerator in Gang und ich konnte problemlos laden.

Kinder in Alichur: Im Pamir üben die Kids gerne ihr Englisch, auch wenn es manchmal nicht mehr als «Hello» und «How are you?» ist.
Kinder in Alichur: Im Pamir üben die Kids gerne ihr Englisch, auch wenn es manchmal nicht mehr als «Hello» und «How are you?» ist.

Meine Reisegefährten im Pamir

Trotzdem änderte ich am folgenden Tag meinen Plan: Ich radelte nicht auf direktem Weg auf dem Highway 41 nach Chorugh, sondern zweigte ins Wakhan-Valley ab – ein Umweg mit rund 150 Zusatzkilometern.

Grund für diese Planänderung war ein äusserst sympathisches Paar aus Österreich: Bernadette und Dominik aus Salzburg. Ich hatte mit den beiden bereits einige Kilometer zwischen Murgab und Alichur geteilt. Sie überzeugten mich, sie durch das abgelegene Tal an der afghanischen Grenze zu begleiten.

Dominik und Bernadette aus Salzburg: Unterwegs von Indien nach Österreich.
Dominik und Bernadette aus Salzburg: Unterwegs von Indien nach Österreich.

Allein hätte ich diesen Abstecher nie gewagt, obwohl er stromtechnisch sogar einfacher war: Auf dem direkten Weg nach Murgab lagen noch 220 ungewisse Kilometer vor mir, auf dem indirekten via Wakhan-Valley bloss 123 Kilometer. Die Stromleitung, so versicherten mir zahlreiche Einheimische, wäre bis Langar intakt – und damit hätte ab dort wieder jedes Dorf rund um die Uhr Strom. Aber das Wakhan-Valley bedeutete eben auch einen Passübergang über eine holprige Schotterpiste mit sandigen Schiebepassagen – und das alles abseits der Zivilisation in unmittelbarer Nähe der afghanischen Grenze.

Mein Flyer ist ein Expeditionsfahrzeug

Bernadette und Dominik waren auf dieser schwierigen Strasse ziemlich langsam unterwegs. Mein Flyer ist im Vergleich zu ihren ungefederten Stahlrädern ein echtes Expeditionsfahrzeug. Er hat relative breite Pneus, eine Federgabel und eine in der Sattelstütze integrierte Feder. Zudem bewältigte ich steile oder technisch schwierige Passagen einfach mit hoher Unterstützung und konnte so das anstrengende Schieben oft vermeiden.

Steine, Sand und zum Teil sehr steile Anstiege: Für konventionelle Tourenräder mit dünner Bereifung eine echte Herausforderung.
Steine, Sand und zum Teil sehr steile Anstiege: Für konventionelle Tourenräder mit dünner Bereifung eine echte Herausforderung.

Im Vergleich mit den Tourenrädern der Österreicher wurde mir ein weiterer Vorteil meines Hightech-Ponys bewusst: Die beiden waren an Pausentagen ständig damit beschäftigt, ihre Ketten zu pflegen. Mein Riemenantrieb hingegen läuft auch ohne Öl wie geschmiert  und zieht eben gerade deshalb keinen Schmutz an. Ganz zu schweigen von der Roloff-Nabe, dank der ich keine Kassette mit Umwerfer warten muss.

Entspanntes Wildcampen im Trio

Mit meinen beiden neuen Weggefährten genoss ich neben guten Gesprächen auch das Campen. Das Wildcampen ist für mich als Alleinreisende nach wie vor ein Stressfaktor. Ich stelle mein Zelt dann erst bei Einbruch der Dunkelheit auf und gehe auf Nummer sicher, dass mich beim Abzweigen von der Strasse bis zum gut versteckten Schlafplatz niemand sieht. Oder aber ich campiere gleich im Dorf, für alle sichtbar und so durch die soziale Kontrolle geschützt. Kann ich mich bei anderen Reisenden anschliessen, gehe ich die Sache viel entspannter an.

Eigentlich gibt es nichts Schöneres als Wildcampen: Wann da bloss nicht die Angst für nächtlichen ungebetenen Gästen wäre.
Eigentlich gibt es nichts Schöneres als Wildcampen: Wann da bloss nicht die Angst vor ungebetenen Gästen wäre.

Da wir auf dem Schotter relativ langsam unterwegs waren, lieferten meine Batterien genug Strom für jeweils drei Tage. Wenn wir tagsüber in einem Dorf eine Pause machten, versuchte ich die Akkus aber dennoch immer gleich ans Netz bringen. So war ich immer auf der sicheren Seite – und hätten wir nicht mindestens einmal die Woche das Bedürfnis nach etwas Luxus in einem Homestay gehabt, wäre das mit dem Wildcampen wohl ewig möglich gewesen.

Der Pamir ist bei Tourenfahrern extrem populär

Im Wakhan-Valley trafen wir fast täglich auf andere Tourenfahrer. An einem Tag zählten wir sage und schreibe neun Radfahrer. Zwei Gruppen haben wir dabei ertappt, wie sie rund 200 Kilometer vor dem Pass ins Auto umgestiegen sind. Dass die Zeit beziehungsweise der Saft ausgeht, kann also auch konventionellen Radfahrern passieren. Und in Gebieten wie dem Pamir, wo die Einehimischen dringend auf Einkünfte aus dem Tourismus angewiesen sind, dauert es jeweils nicht lange, bis man ein Auto mit Chauffeur gefunden hat.

Fast täglich trafen wir auf andere Tourenfahrer: Hier Silas aus der Schweiz, mit dem Dominik und Bernadette Geld für ihre Weiterreise durch Usbekistan und Iran tauschen.
Fast täglich trafen wir auf andere Tourenfahrer: Hier Silas aus der Schweiz, mit dem Dominik und Bernadette Geld für ihre Weiterreise durch Usbekistan und Iran tauschen.

 

Für die letzten beiden Etappen vor Dushanbe suchten sich auch Dominik und Bernadette eine Mitfahrgelegenheit. Bernadette hatte im Pamir unzählige Speichenbrüche am Hinterrad. Ersatzspeichen war zwar noch genügend da, aber das Rad wollte einfach nicht mehr rund laufen.
Darum traf ich nach tollen drei gemeinsamen Wochen allein in Dushanbe ein, wo mich die beiden schon erwarteten. In der tadschikischen Hauptstadt schloss ich die Linie zwischen Zürich und Shanghai. Hier beendete ich meine E-Bike-Reise, nach 12 Monaten und 16000 Kilometern.

Reise mit Richtungswechsel: 16000 Kilometer von Zürich nach Dushanbe und Shanghai nach Dushanbe.
Reise mit Richtungswechsel: Insgesamt 16000 Kilometer von Zürich nach Dushanbe und Shanghai nach Dushanbe.

Inzwischen sind schon wieder vier Wochen vergangen und ich bin längst zurück in Zürich. In meinem nächsten Blog-Post, werde ich euch erzählen, warum es so lange gedauert hat, bis ich wieder in die Tasten gehauen habe – und warum meine Reise noch nicht ganz vorbei ist.

Dieser Beitrag hat 15 Kommentare

  1. Vielen Dank für Deine spannenden Berichte, die Unwägbarkeiten gehören zu so einer Reise. Du hast sie gut überstanden und bist hoffentlich wohlbehalten in Zürich gelandet. Das Lesen der Berichte hat mir gut gefallen und ich fieberte immer wieder der nächsten Etappe entgegen. Vielen Dank dafür und herzliche Grüße aus Offenburg

    1. Danke David, den Pamir habe ich auch etwas dir zu verdanken. Deine unterstützenden Worte waren sehr wichtig.

  2. Wie war oder ist noch das „anklimatisieren „in der kleinen schweiz nach so langer zeit respektive distanzen? War interssant dein blog zu lesen. Lg mani

    1. Genau das wird das Thema vom nächsten Beitrag!

  3. Wen ein Traum Wirklichkeit wird und diesen noch Gesund und ohne Schaden zu nehmen erfüllt wird dass nenn ich ein Wunder. Ich freue mich weiter von dir zu hören und verfolge immer mit Spannung deine Berichte. Gratulation zu deiner Leistung

  4. Was für eine tolle Reise – und was für ein Vergnügen durch deine tollen Beiträge ein Stück mit dabei zu sein! Herzlich aus Albanistan, Tobi

  5. Herzlichen Glückwunsch Andrea, was für eine verrückte Reise. Bin froh hast du alle Hindernisse heil überstanden. Um den Kulturschock abzufedern wäre ev. statt Gambrinus ein China- Restaurant besser?

    1. Wäre vor allem spannend, um zu sehen, ob ich die Speisekarte noch lesen kann :-). Schreibe dir PM.

  6. Hallo Andrea,
    nach dieser Radreise ist vor der Radreise Auswertung. Viel Freude und Erinnerungen beim schreiben deines Buches.
    Danke für deine interessanten Berichte und Bilder.
    Schön wieder von dir zu hören! Bin gespannt wie’s bei dir weitergeht.
    Herzlich Grüße
    Otto

  7. Liebe Andrea (ich bin so frei)
    Schön das du gesund wieder zurück gekommen bist und Chapeau zu deiner langen Reise. Danke das ich mit dir dieses Fahrrad Abendteur miterleben konnte. Ich freue mich dass die Reise mit der Strecke Shanghai-Dushanbe doch noch ein versöhnliches Ende für dich gebracht hat. Ich bin selber öfters mal „i dä Velo-Ferie“ – allerdings vornehmlich entlang von Flüssen mit meinem 30-jährigen Cilo 🙂 So ein grosses Projekt bzw. Abendteuer reizt mich schon ein Weilchen und deine Berichte haben den Traum nicht kleiner werden lassen – im Gegenteil! Ich bin gespannt auf deinen nächsten Beitrag über das Ankommen im „normalen“ Alltag und wünsche dir alles Gute.
    Liebe Grüsse Sandra

    1. Danke liebe Sandra, schön, dass ich etwas beisteuern konnte. Ich bin zu Beginn auch immer flach gefahren. Donau, Rhone, Westküste der USA. Irgendwann habe ich aber bemerkt: Die Berge sind weniger anstrengend als sie aussehen, auch ohne E-Bike – und mit sowieso kein Problem. Und was die Menschen in Ländern mit anderen Systemen betrifft: Sie sind unglaublich gastfreundlich und neugierig. Sitz man in der beschaulichen Schweiz, hat man oft das Gefühl, da draussen sei alles gefährlich. Aber das stimmt nicht. Die Menschen sind grundsätzlich gut und wollen einem nichts Böses.

  8. Hallo Andrea, mit Freuden lese ich deinen Reisebericht. Ich selber plane fast das selbe, aber mit solar geladenem Liegedreirad. Die offiziellen Aussichten aufs China-Visum liegen mir auf dem Magen, deshalb moechte ich sehr gerne von deinen Erfahrungen profitieren. Vielleicht kannst Du mir direkt auf meine mail-adr. antworten, wenn ich Dir einige Fragen stellen duerfte?
    Lg Fred aus Olten

    1. Mach ich gerne Fred. Für alle Mitlesen: Ich würde heute in China starten und zurück in die Schweiz fahren. Das macht vieles viel einfacher – und kann allenfalls sogar klimatische Vorteile haben.

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