Die Rückkehr ist Teil der Reise
Da war das Leben noch einfach: Dezember 2018 in der Wüste von Usbekistan mit dem Zwischenziel Dushanbe klar vor Augen.

Die Rückkehr ist Teil der Reise

Was passiert nach der Reise? Wie findet man nach 12 Monaten durch 17 Ländern und über 16000 Kilometern wieder auf die Spur?

Seit 10 Monaten bin ich wieder in der Schweiz. Ich habe mir immer gesagt: Die Rückkehr ist Teil der Reise. Und ich dachte, mit dieser Einstellung komme schon alles gut. Ich war dann zwischenzeitlich doch etwas verloren – und habe das Gefühl, dass ich erst jetzt, nach 300 Tagen, richtig ankomme.

Mit Mühe zurück in den Alltag

Wie man den Tritt im Alltag wieder findet, ist in den Reiseforen ein viel diskutiertes Thema. Ich erinnere mich, wie dort mal jemand geschrieben hat: «Wenn ich nur für mich selbst spreche, ist eine Sache, die zu meinem Glück beiträgt, ein Gefühl des Fortschritts. Beim Radfahren passiert das auf ganz natürliche Art und Weise. Jeder Tag ist anders, neuartig, abenteuerlich. Du siehst, wie du dich über die Karte bewegst, wie du vorwärtskommst. Zu Hause muss der Fortschritt aus einer anderen Quelle kommen – und dafür brauchst du einen Plan, ein neues Ziel.»

Beim Radfahren siehst du, wie du dich über die Karte bewegst, wie du vorwärtskommst.
Ein Gefühl von Fortschritt: Beim Radfahren siehst du, wie du dich über die Karte bewegst, wie du vorwärts kommst. Hast du keinen Plan, fehlt dir dieses Gefühl, wenn du wieder zurück im Alltag bist.

Diese Worte ergeben für mich total Sinn. Und ich dachte, ich hätte einen Plan: meine Reintegration. Dabei vergass ich, dass gute Pläne möglichst konkret und attraktiv sein sollten. Sind sie es nicht, sind sie meist zum Scheitern verurteilt.

Die ersten Wochen nach meiner Rückkehr Ende Juni machte ich erst mal richtig Ferien. Ich genoss es, Freunde und Familie zu sehen, am Morgen lange in MEINEM Bett zu liegen und meine liebsten Zeitungen von A bis Z zu lesen. So ging das den ganzen Juli, bei schönstem Sommerwetter, herrlich.

Faul wie ein Hund

Bereits im August hatte ich das Gefühl, ich sollte allmählich wieder mal was machen. Ich zog ein paar Aufträge für Artikel an Land und meldete mich für eine Weiterbildung im Bereich Social Media Management an. Die Lehrveranstaltungen nahmen während fünf Monaten jede zweite Woche zwei Tage ein. An den Artikeln hätte ich ewig arbeiten können, aber ich wollte die Aufträge auch in einem ökonomisch sinnvollen Zeitrahmen erledigen. Sprich: Ich hatte eigentlich immer noch viel Freizeit und zunehmend das Gefühl, ich sei ein fauler fauler Hund.

Vor allem auch, weil meine Pendenzenliste immer voll war: Die Bilder für den Vortrag an der Euro Bike auswählen, noch diverse Blogs schreiben und das Buch über meine Reise in Angriff nehmen – soweit bloss die Punkte mit erster Priorität.

Den Vortrag habe ich dank dem fixen Datum gerade noch rechtzeitig hingekriegt. Blogs habe ich bloss noch zwei geschrieben, einen als Rückblick auf den Pamir Highway den anderen zum Tag der Menschenrechte –  und das Buch habe ich inzwischen definitiv abgeschrieben.

Dank fixem Termin geschafft: Vortrag an der Euro Bike 2019.
Dank fixem Termin geschafft: Mit meiner Geschichte auf der Bühne der Euro Bike 2019.

Warum? Die einfache Antwort ist: Ich war einfach zu faul! Allerdings ist das ein für mich neues Gefühl. Ich war bisher immer extrem diszipliniert und habe meine Ziele, wenn sie einmal gesteckt waren, eigentlich immer erreicht. Noch nie habe ich etwas abgebrochen, egal ob Studium oder Marathon.

Einfach in den Tag leben

Was hinter dieser Lethargie steckt, weiss ich immer noch nicht so genau. Aber ich habe Vermutungen: Auf meiner Reise bin ich vielen Menschen begegnet, die einfach in den Tag leben. Nicht unbedingt, weil sie sich frei dafür entschieden haben, sondern weil das politische System oder die wirtschaftliche Situation ihnen keine andere Wahl lassen. Warum sollte man auch am Traum vom eigenen Hostel arbeiten, wenn man weder Geld noch einen Bekannten in der Verwaltung hat und darum keine Chance die nötigen Papiere in nützlicher Frist zu erhalten? So oder so: Ich habe erfahren, dass man sein Leben auch ziellos leben kann, dass man einfach auch Sein kann. Um das auf die Dauer geniessen zu können, bin ich aber wohl am falschen Ort aufgewachsen.

Ich will etwas leisten und Anerkennung für meine Arbeit erhalten. Das war während dem Radfahren sehr einfach. Da wurde ich mental nicht nur von meiner Facebook-Community unterstützt, sondern auch von den Menschen entlang der Strasse. In manchen Ländern fühlte ich mich wie die Queen auf Staatsbesuch. Da wurde ständig gewinkt, eingeladen und sonst wie Bewunderung ausgesprochen.

Mein chinesischer Gastgeber überreicht mir zum Abschied ein Amulett mit der buddhistischen Schutzgöttin Guanyin.
Die Radfahrerin aus der Schweiz erhält überall eine Vorzugsbehandlung: Mein chinesischer Gastgeber überreicht mir zum Abschied ein Amulett mit der buddhistischen Schutzgöttin Guanyin.

Die Nachbearbeitung meines Projektes war wohl auch schwierig, weil ich das Gefühl hatte, ich sollte mich eigentlich mit meiner Zukunft befassen. Beruflich stehe ich auch, aber nicht nur wegen der Reise an einem Scheideweg. Die Arbeitsbedingungen im Journalismus sind in den letzten Jahren grottenschlecht geworden. In dieser darbenden Branche als 47-Jährige eine Festanstellung zu finden, ist nur mit vielen Abstrichen möglich – und als Freie kämpft man stets um faire Honorare.

Dass ich mich bei meiner Rückkehr neu orientieren muss, war mir darum schon vor zwei Jahren bewusst, als ich mich für die Reise entschied und die Kündigung einreichte. Aber was, wenn nicht Journalismus?

Wo ist mein Platz in dieser Gesellschaft?

Als ehemalige Lehrerin könnte ich zurück in den Schulbetrieb. Aber das fühlt sich nicht wie Fortschritt an. Als ehemalige Journalistin könnte ich in die Kommunikationabteilung eines Unternehmens. Aber dadurch würde ich meine Werte verraten. Als ehemalige E-Bike-Influencerin könnte ich mich als Social-Media-Managerin anbieten. Aber auch da verpflichte ich mich nicht unbedingt der Wahrheit, sondern vor allem der Werbung.

Wo ist mein Platz in dieser Gesellschaft? Eine abschliessende Antwort auf diese Frage zu finden, ist nicht mein Ding. Ich war schon immer eher suchend als findend. Nach 10 Monaten im Stillstand habe ich aber zumindest eine neue Spur gefunden. Eine Aufgabe, mit der ich mich voll und ganz identifizieren kann. Per 1. Juni werde ich den Bereich Kommunikation und Events bei Pro Velo Zürich übernehmen, also künftig als Lobbyistin für die Interessen der Radfahrenden unterwegs sein. Das passt wie angegossen – ich freue mich riesig.

Ps. Es gibt immer noch ein paar Blogs, die ich eigentlich gerne schreiben würde. Etwa Listicals über Learnings in Sachen E-Bike oder Radreisen. Ich habe sie jetzt jedoch aus meiner Pendenzenliste gestrichen – aber ganz abgeschrieben habe ich sie noch nicht.

Dieser Beitrag hat 11 Kommentare

  1. Yvonne Böhler

    so schön, dich wieder lesen können, warte auf weitere Blogs.

  2. Peter

    Liebe Andrea, vielen Dank für die vielen und ausführlichen Berichte. Ich habe sie immer gespannt verfolgt. Ich wünsche Dir viel Freude und Erfolg bei der neuen Aufgabe

  3. Bachmann Stefan

    Danke für diesen (hoffentlich nicht letzten) Eintrag. Und viel Glück und Freude im neuen Job. Ja, bei einer sinnstiftenden NGO bist du wohl goldrichtig. Liebe Grüsse!

  4. Peter Roth

    Peter R
    Liebe Andrea spannend was da mit dir abgeht! Ich komme in eine ähnliche Gemütslage interessanterweise erst gegen Ende des zweiten Pensionsjahres. Wünsche dir gutes Gelingen bei der neuen Aufhabe.

    1. Andrea Freiermuth

      Für die Rente ist es bei mir definitiv zu früh, auch finanziell :-). Aber ich erinnere mich an einen Dok über einen Mann irgendwo auf dem Balkan, der sich leidenschaftlich um eine Störchin gekümmert hat, die nicht mehr fliegen konnte. Wenn ihr Partner im Winter weg war, ging er täglich für sie fischen. Auf die Frage, warum er all diesen Aufwand auf sich nimmt meint er: «Der Mensch muss sich kümmern, um irgendwen oder irgendwas. Aber es muss sich kümmern.»

  5. Felix

    Mir gefällt diesmal vor allem Deine Offenheit. Danke. Ich habe diese Erfahrung vom Heimkommen und wieder-Integrieren dreimal erlebt. Dass Du nun Deinen Beruf mit Deinen gemachten Erfahrungen bündelst, finde ich toll (nicht nur als Mitglied von Pro Velo).
    Alles Gute!

  6. Angelo Rizzi

    Vielleicht braucht es jetzt ein wenig Demut, Dankbarkeit und die Erkenntnis, etwas geleistet zu haben, was Millionen von Menschen aus den unterschiedlichsten Gründen sich nie hätten leisten können. Als Ü70 kann ich mir viele Träume nicht mehr erfüllen. Aber ich zehre von den vielen Reisen und Erlebnissen, die ich als jüngerer Mensch erleben durfte. Sie sind ja noch sehr jung und können noch vieles in Ihrem Leben planen und realisieren! Alles Gute! Ich freue mich mit Ihnen!

  7. Hedi

    Danke für die zahlreichen und spannenden Berichte während der Reise! Ich habe mich immer darauf gefreut und sie alle mit viel Interesse gelesen. Weiterhin alles Gute!

  8. Heinrich Häuselmann

    Vielen Dank für diesen Betrag. Sehr interessant zu lesen, wie es Dir nach der unglaublichen Reise erging. Alles Gute im neuen Job, wo wir hoffentlich öfter von Dir hören werden.

    1. Andrea Freiermuth

      Liebe alle, auch dank euch und euren unterstützenden Kommentaren habe ich das alles geschafft. Ihr habt hier oder auf Social Media meine Reise mitverfolgt und mit mir mitgefiebert. So fühlte ich mich selbst in der Wüste von Turkmenistan nicht allein, sondern irgendwie getragen. Auch das ist ein Gefühl, das nach dieser Reise bleibt. Oft wusste ich morgens nicht, wo ich abends enden würde: Ob sich ein Hotel finden lässt, ob ich vielleicht einen privaten Gastgeber finde, ob ich mein Zelt in einem Dorf aufstellen kann oder ob ich mich vielleicht in die Büsche schlagen muss. Je länger die Reise dauerte, desto entspannter wurde ich diesbezüglich. Ich wusste, es kommt schon irgendwie gut. Ich habe auf dieser Reise Zuversicht gelernt. Das hat mir auch geholfen, die vergangenen 10 Monate relativ entspannt zu bleiben. Ich wusste, es würde dauern, bis ich meinen Platz im Alltag wieder finde – aber dass es letztlich schon irgendwie gut kommen würde.

  9. Roland

    Liebe Andrea, es war sehr spannend deine Reise mit den Hochs und Tiefs fast hautnah mitzuerleben und die ehrliche Selbstreflexion nach der Rückkehr kann ich gut nachvollziehen. Ich habe auch so eine Pendenzenliste, die nie endet. Wünsche dir gute Erfüllung beim Pro Velo Job.

Kommentar verfassen

Diese Website verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre mehr darüber, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden.