Unterwegs nach Teheran
Solo aber doch nicht allein: Unterwegs mit Manu, Koen und Magda. (Bild: Selfie)

Unterwegs nach Teheran

Manchmal kommt alles anders als gedacht: Ursprünglich wollte ich in sieben Etappen allein nach Teheran fahren. Ich war dann aber nicht immer solo unterwegs – und bin am Ende doch noch in den Bus gestiegen.

Aber der Reihe nach: Nach der Abreise von Sina verbrachte ich einen faulen Tag in Astara. Allein blieb ich nicht lange, denn ein junger Englisch-Lehrer sprach mich in einem Internetcafe an und schleppte mich in seine Schule ab, in den Privatunterricht.

Pauken für den Anschluss an die Welt

Hier wird gepaukt: Die Teenager trabten um 17 Uhr nach dem regulären Unterricht in der Privatschule an. (Bild: Andrea Freiermuth)
Hier wird gepaukt: Die Teenager trabten um 17 Uhr nach dem regulären Unterricht in der Privatschule an. (Bild: Andrea Freiermuth)

Englisch-Unterricht gibt es zwar auch an staatlichen Schulen, aber die Lehrkräfte und die Didaktik sind so schwach, dass die meisten Iraner keinen vollständigen Satz auf Englisch sagen können, wenn sie die Schule verlassen. In den privaten Instituten hingegen ist das Niveau der Lehrer erstaunlich hoch. Vor allem wenn man bedenkt, dass viele noch nie im Ausland waren.

Der Zufall wollte es, dass ich auch den folgenden Abend in einer Schule verbrachte. Ich hatte schon ein paar Tage zuvor mit Magda getextet, die mit ihrem Freund und einem Holländer aus Aserbaidschan in den Iran unterwegs war und die Grenze bei Astara überqueren wollte. Unsere Wege kreuzten sich hier tatsächlich und ich fuhr eine Etappe mit dem Trio.

Magda und Manu haben ein super Projekt: Sie besuchen während ihrem Trip immer wieder mal eine Schule und erzählen dort von ihrer Fahrradreise. Im Iran stossen sie damit offene Türen auf. Dabei geht es für Lehrkräfte und Schüler weniger um die Radreise, sondern vielmehr um die Gelegenheit, Englisch mal in einer realen Situation anzuwenden. Zudem können viele Iraner nur davon träumen, mal ins Ausland zu reisen. Touristen sind für die Menschen hier ein Tor zur Welt.

So verbrachten wir also den Abend mit einer Horde Knaben. Magda, Manu und der Holländer Koen blieben noch einen Tag länger, damit auch die Mädchen in den Genuss des speziellen Besuchs kommen konnten. Der Unterricht im Iran muss stets in nach Geschlechtern getrennten Klassen stattfinden.

Ich musste weiter, weil ich mich 100 Kilometer weiter südlich bereits zum Besuch angemeldet hatte. Es war ein Wiedersehen. Meine Gastgeber habe ich vor rund einem Monat in Batumi kennengelernt: Navid (37) und Saeedeh (32) waren dort auf ihrer Hochzeitreise und haben mich angesprochen, weil Navid auch ein Tourenfahrer ist. Wir haben Telefonnummern ausgetauscht, und die beiden meinten, ich solle sie besuchen, falls ich in der Nähe ihrer Heimatstadt Rasht vorbeikäme.

Wiedersehen in Rasht

Wiedersehen mit Navid und Saeedeh in Rasht. (Bild: Selfie)
Navid und Saeedeh aus Rasht: Die beiden haben mich zwei Tage durchgefüttert, und ich durfte keinen einzigen Rial beisteuern. (Bild: Selfie)

Ich wollte einen Tag bleiben, es wurden dann aber zwei. Die beiden wollten mich sogar überreden länger zu bleiben und von Rasht den Bus nach Teheran zu nehmen. Navid versuchte mich mit jedem möglichen Argument vom Weiterfahren abzuhalten. Aber ich konnte das Angebot aus zwei Gründen nicht annehmen: Erstens bin ich nicht zum Bus fahren gekommen, zweitens wollte ich ihr Budget nicht länger belasten. Die beiden verwöhnten mich zwei Tage lang und liessen mir keine Chance etwas beizusteuern. Am letzten Abend wollte ich die Rechnung auf dem Weg zur Toilette bezahlen. Aber der Keller hat mich leider verpfiffen.

Gastfreundschaft kennt keine Grenzen

Ein Ladenbesitzer beschenkt Magda mit Früchten: Zuvor hat er schon das Geld für das alkoholfreie Bier, das wir kaufen wollten, zurückgewiesen. Und nach diesem Foto steckte er uns noch Schokolade zu... (Bild: Andrea Freiermuth)
Ein Ladenbesitzer beschenkt Magda mit Früchten: Zuvor hat er schon das Geld für das alkoholfreie Bier, das wir kaufen wollten, zurückgewiesen. Und nach diesem Foto steckte er uns noch Schokolade zu… (Bild: Andrea Freiermuth)

Ich dachte nach der Türkei, die Gastfreundschaft liesse sich nicht mehr steigern. Aber eben: Da kannte ich die Iraner noch nicht. Hier kann es einem passieren, dass man auf einen Ladenbesitzer trifft, der einem etwas verkauft – sich dann aber weigert Geld entgegenzunehmen. Das alleine wäre schon krass. Aber wenn man bedenkt, dass die iranische Währung in den vergangenen sechs Monaten regelrecht dahingeschmolzen ist, dann ist das noch viel krasser. Der Rial ist nur noch ein Viertel so viel wert wie vor einem halben Jahr. Und weil in diesen Tagen neue Sanktionen einsetzen, könnte die Währung sogar noch mehr an Wert verlieren.

Viel Verkehr und Gestank

Am Kaspischen Meer setzte ich zum ersten Mal die Staubmaske auf. (Bild: Selfie)
Am Kaspischen Meer setzte ich zum ersten Mal die Staubmaske auf. (Bild: Selfie)

Nach Rasht fuhr ich noch zwei Tage am Kaspischen Meer entlang und setzte mich dann doch in den Bus nach Teheran. Nicht weil ich Angst hatte, meine Akkus über das Albroz-Gebirge leer zu fahren. Auch nicht weil ich mich vor den bösen Mannen auf weiter Flur fürchtete. Nein, weil die beiden Bergetappen leider auf ein langes Weekend gefallen wären. Das heisst, viel Verkehr und viel Gestank. Davon hatte ich leider seit Astara zu Genüge. Am Kaspischen Meer fährt man auch als Radfahrer meist auf einer zweispurigen Schnellstrasse und eine Abgasverordnung kennt man hier nicht. Hauptsache die Kiste läuft.

Warten stand nicht zur Diskussion, denn ich muss mich in Teheran um das Visa für Turkmenistan kümmern – und das braucht Zeit.

Im Bauch des Busses: Ich schwitzte in jeder Kurve Blut, aber mein Flyerchen hat die Busfahrt ohne Schaden überstanden. (Bild: Andrea Freiermuth)
Im Bauch des Busses: Ich schwitzte in jeder Kurve Blut, aber mein Flyerchen hat die Busfahrt ohne Schaden überstanden. (Bild: Andrea Freiermuth)

Also fuhr ich mit dem Bus und tröstete mich beim Anblick der grandiosen Landschaft mit dem Gedanken, dass ich dieses Gebirge dann bei meiner Weiterreise Richtung Osten nochmals überqueren kann.

Den Verkehr ganz vermeiden konnte ich damit nicht. Denn Sina holte mich mit dem Fahrrad am Busterminal ab – und es folgte ein Höllenritt quer durch Teheran.

Dieser Beitrag hat 4 Kommentare

  1. Ich vermisse auf einmal die Strecke auf Strava.

    1. Ich kann die Daten im Iran nicht mehr vom Garmin holen, weil meine IP-Adresse blockiert ist. Garmin hat seinen Hauptsitz in den USA… Sanktionen…. Ich bin immer noch in Teheran und kann meinen Standort voraussichtlich erst im Dezember wieder aktualisieren.

  2. Gefällt liebi Grüss aus Schwyz! Heinz

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