Iran – so schaurig und so schön
In der Jurte: Mit Shafi und dessen Nichte Mecy. Die beiden haben für mich und meine Kollegin Claudia einen Ausflug ins Hinterland organisiert. (Bild: Claudia Langenegger)

Iran – so schaurig und so schön

Wenn dieser Bericht erscheint, werde ich den Iran bereits verlassen haben. Das ist besser so. Denn in der Islamischen Republik Iran darf man nicht öffentlich sagen, was man denkt, und schreiben schon gar nicht. Das tut mir so wahnsinnig leid für die vielen liebenswürdigen Menschen, die ich hier kennenlernen durfte.

Weltmeister in Sachen Gastfreundschaft

Die Iraner toppen in Sachen Gastfreundschaft alles, was ich bisher erlebt habe. Das liegt unter anderem am «Taarof»: Diese Anstandsregel sieht vor, dass man dem Gegenüber Dinge aus reiner Höflichkeit anbietet. So offerierte mir etwa eine Sitznachbarin im Bus ihr Sandwich, bevor sie sich getraute, selber reinzubeissen. Als ich dankend abwinkte, schien sie sichtlich erleichtert. Es gibt auch ernst gemeinte Angebote, aber man erkennt sie nur, wenn man mindestens drei Mal abgelehnt hat.

Selfie mit Gastfamilie: Bei Ali, seiner Frau Moratese und den Zwillingstöchtern Minu und Mushde fand ich spontan Unterschlupf, als kein Hotel zu finden war. (Bild: Andrea Freiermuth)
Selfie mit Gastfamilie: Ali, seiner Frau Moratese und den Zwillingstöchtern Minu und Mushde nahmen mich spontan auf, als kein Hotel zu finden war. (Bild: Andrea Freiermuth)

Das Problem: Manchmal möchte man sich wirklich nicht einladen lassen, wird aber regelrecht dazu gezwungen. Da war zum Beispiel ein Ladenbesitzer, der partout kein Geld akzeptierte für das alkoholfreie Bier, das ich gemeinsam mit drei weiteren Radtouristen bei ihm kaufen wollte. Und als ob das nicht genug gewesen wäre, steckte er uns auch noch Früchte und Schokolade zu. Er sprach kein Wort Englisch, zeigte uns aber Instagram-Bilder: er auf dem Bike. Oder das Paar, das mich auf der Strasse ansprach: Die beiden fütterten mich zwei Tage lang durch. Und als ich am letzten Abend im Restaurant in weiser Voraussicht auf dem Gang zur Toilette bezahlen wollte, verpfiff mich der Kellner bei den beiden.

Mehr als das Land der Mullahs

Dabei schwimmt die Bevölkerung überhaupt nicht im Geld. Im Gegenteil: Die Landeswährung ist wegen der neuen Sanktionen regelrecht abgestürzt. Der Rial war vor einem halben Jahr noch drei Mal so viel wert wie heute; Importprodukte haben sich massiv verteuert. Die Löhne aber sind gleich geblieben. Viele Iraner behandeln ausländische Gäste dennoch besonders zuvorkommend, weil sie ihnen beweisen möchten, dass der Iran mehr als das Land der Mullahs ist. Dass es doch letztlich die Menschen sind, die zählen – und nicht Politik und Religion.

Wer mehrfacher Millionär werden will, sollte mal in den Iran reisen: Das hier wären 20 Millionen Rial oder rund 150 Dollar. (Bild: Andrea Freiermuth)
Wer mehrfacher Millionär werden will, sollte mal in den Iran reisen: Das hier wären 20 Millionen Rial oder rund 150 Dollar. (Bild: Andrea Freiermuth)

Ein Fall für Amnesty International

Das stimmt. Trotzdem darf man nicht vergessen: Das Regime ist böse, wirklich richtig böse. Laut Amnesty International sind im vergangenen Jahr 517 Menschen in der Islamischen Republik Iran hingerichtet worden. Mindestens fünf der Exekutierten waren zur Zeit der Straftat minderjährig. In ihrem aktuellen Report schreibt die Menschenrechtsorganisation: «Die Gerichtsverfahren, auch solche, die mit Todesurteilen endeten, waren grundsätzlich unfair. […] Es war nach wie vor üblich, Inhaftierte zu foltern oder anderweitig zu misshandeln, insbesondere während Verhören.»
Besonders nahegegangen ist mir das Schicksal der iranisch-kanadischen Fotojournalistin Zahra Kazemi. Sie wurde 2003 verhaftet, weil sie Angehörige von Gefangenen vor einer berüchtigten Haftanstalt fotografiert hatte. Sie starb an den Folgen der Folter. Was genau geschah, ist unklar, weil der Leichnam nie freigegeben wurde. Einige Quellen berichten von ausgerissenen Fingernägeln, zahlreichen Frakturen und Verletzungen am Geschlechtsorgan.

Die Staatsmacht im Rücken: Die Konterfeis des einstigen Staatsoberhaupts Ruhollah Khomeini und des derzeitigen Führers Ali Khamenei sind omnipräsent. (Bild: Andrea Freiermuth)
Die Staatsmacht im Rücken: Die Konterfeis des einstigen Staatsoberhaupts Ruhollah Khomeini und des derzeitigen Führers Ali Khamenei sind omnipräsent. (Bild: Andrea Freiermuth)

Laut «Reporter ohne Grenzen» sitzen derzeit mehrere Journalisten, Online-Aktivisten und Blogger in Haft, darunter Narges Mohammadi, Journalistin, Frauenrechtlerin und Sprecherin des Zentrums der Verteidigung für Menschenrechte.

Soll man in totalitär geführte Staaten reisen? Auf diese Frage gibt es keine einfache Antwort. Tatsache ist, dass mit dem Tourismus immer auch Devisen ins Land fliessen, die solche Regimes indirekt unterstützen. Bittet man  Iraner und Iranerinnen um ihre Meinung, ist die Antwort klar: Kommt – je mehr, desto besser! Für diese Menschen sind Touristen ein Tor zur Welt. Und viele Einheimische hoffen auch, dass die Besucher mit ihrem westlichen Lebensstil zum Wandel beitragen. Ich hoffe mit ihnen.

Dieser Beitrag hat 3 Kommentare

  1. Iran und die Eigenheiten: Für mich unvorstellbar sich so zu verbiegen müssen. Was für ein Leben, traurig, beängstigend!. Politik macht`s möglich!

    Andrea weiterhin gute fahrt und gute Wege! Viel Glück !

    Herzlichst Otto

  2. Weiterhin alles Gute. Passen Sie auf sich auf!

  3. René
    Danke für deine differenzierten Bericht der kulturellen Eigenheiten der Iraner und ihrem Regimes.
    Andrea, weiter eine problemlose Fahrt durch Turkmenistan und weitere wunderbare Begegnungen.
    Grüsse aus dem Züri-Oberland

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