«Ich bin eigentlich ein Angsthase»
Andrea Freiermuth fährt mit dem E-Bike nach China.

«Ich bin eigentlich ein Angsthase»

Porträt in der Neuen Fricktaler Zeitung von Janine Tschopp

Am 3. Juli geht die grosse Reise los. Mit ihrem E-Bike fährt die Zeiningerin Andrea Freiermuth ab Zürich 12’000 Kilometer Richtung Osten. Ihr Fernziel ist China.

«Du schaffst es ja nicht einmal bis über den Hauenstein», foppte ihr Bruder Vico vor 25 Jahren, als Andrea Freiermuth ihre erste Reise mit dem Velo unternahm. Ihr Ziel war Südfrankreich. Und sie schaffte es.

Genau nach dieser Tour in den Süden von Frankreich hat sie das Veloreise-Virus gepackt. Wochenlang war sie mit ihrem Fahrrad unterwegs, sei es in Südostasien, an der Westküste der USA, auf der Südinsel Neuseelands oder in Kuba. Immer und immer wieder reizte es sie, wegzufahren und ein unbekanntes Land auf zwei Rädern zu erkunden. Was war es genau, das sie reizte? «Es ist das Gefühl der absoluten Freiheit. Man sitzt auf dem Velo und hat alles dabei. Man ist autark und bewegt sich nur mit Muskelkraft. Und alle 50 Kilometer sieht die Welt wieder anders aus.»

Aus einem «Running Gag» wurde ein konkreter Plan

«Irgendwann fahre ich mit dem Velo nach China», sagte Andrea Freiermuth immer wieder einmal zu Menschen ihres Umfelds. Ihre Reise in den Fernen Osten sei schon zum «Running Gag» geworden. Immer mehr Bekannten und Verwandten hat sie von ihrer Idee erzählt, um sich «sozialen Druck aufzubauen». Man könne nicht immer von Träumen reden, irgendwann müsse man sie realisieren. Vor allem könne es auch eines Tages zu spät sein, einen Traum in die Wirklichkeit umzusetzen.

Also begann sie vor zwei Jahren, ihre Reise nach China zu planen. Für einmal will sie die Reise nicht mit ihrem normalen Tourenvelo antreten, sondern mit einem «Flyer». «Noch nie ist jemand mit elektrischer Unterstützung von Europa nach Asien gefahren», betont sie. Sie will die Erste sein, die das tut. Nur mit eigener Muskelkraft nach China zu fahren, hätten schon einige geschafft. Und auch Andrea Freiermuth wäre körperlich in der Lage dazu.

Mit ihrem Trip möchte sie aber beweisen, dass mit den heutigen E-Bikes vieles möglich ist. «Das E-Bike muss sexy werden.» Sie will ein Zeichen setzen, damit die Elektro-Velos ihr «Rentner-Image» langsam aber sicher loswerden. Zudem spielt auch der Umweltgedanke eine wichtige Rolle. In fast der Hälfte aller Fälle würden Herr und Frau Schweizer für eine Fahrt von weniger als fünf Kilometer ins Auto steigen. Mit dem E-Bike, das mit einer Tretunterstützung bis 25 Kilometer pro Stunde fährt, sei diese Distanz in nur einer Viertelstunde zu bewältigen.

Für ihr grosses Projekt hat die 45-Jährige eine sichere Stelle als Journalistin beim Migros-Magazin aufgegeben. Sie sei aus einem goldenen Käfig ausgebrochen und hätte die Komfortzone absichtlich verlassen.

Als Print-Journalistin sieht sie auch die berufliche Herausforderung, indem sie während der Reise mit dem Schreiben der Blogs (Tagebuch) auf ihrer Website in den Online-Journalismus und ins «multimediale Storytelling» eintaucht.

Schwieriges China-Visa

Am 3. Juli geht sie dann los ihre Reise. In Zürich steigt die Zeiningerin auf ihren Flyer und startet in Richtung Osten. Italien, Kroatien, Bosnien-Herzegowina, Montenegro, Kosovo, Serbien, Türkei, Georgien, Armenien, Iran, Turkmenistan, Usbekistan, Tadschikistan sind die Länder, die sie durchqueren wird. Bis Turkmenistan wird sie von verschiedenen Reisepartnern, die mit einem normalen Tourenvelo unterwegs sind, begleitet.

In Duschanbe, der Hauptstadt Tadschikistans, plant sie eine Winterpause. «Leider muss ich dann kurz nach Hause fliegen, um mein Visum für China einzuholen.» Das sei aus organisatorischen Gründen nicht anders möglich. Im Januar wird sie nach Shanghai fliegen und dort einen dreimonatigen chinesisch Sprachkurs absolvieren. Danach setzt sie ihre Reise ab Tadschikistan fort und fährt während drei Monaten rund 4000 Kilometer durch China. Geplant ist, dass sie im Juni 2019 von Peking wieder in die Schweiz fliegt.

«Wo ich während meiner Reise übernachten werde, plane ich von Tag zu Tag. Am Morgen schaue ich jeweils die Karte an und peile dann einen bestimmten Ort an, den ich an diesem Tag erreichen möchte.» Als Übernachtungsmöglichkeit hat sie auch ein Zelt im Gepäck.
Eine der Herausforderungen ihrer Reise wird sein, immer rechtzeitig eine Steckdose zu finden. «Insbesondere in der Taklamakan-Wüste in China wird das nicht einfach.»
Ängste sind da

Im Gespräch betont Andrea Freiermuth, dass sie am heutigen Tag noch nicht weiss, ob sie die Reise wirklich wie geplant schaffen werde. «Ich gehe jetzt einmal.» Das sei ihre Taktik, einfach einmal aufzubrechen. Es könne sein, dass sie das Projekt, ob aus gesundheitlichen oder politischen Gründen, abbrechen müsse. Und sie sagt auch: «Ich habe Angst. Ich fürchte mich vor jeder Reise. Ich bin eigentlich ein Angsthase.» Auch die Vorstellung, sich mit jedem Meter weiter weg von der Heimat zu bewegen, mache ihr Bauchweh.

Worin bestehen die Risiken der grossen Reise? «Das grösste Risiko, rational gesehen, sind Autos und Lastwagen. Die Gefahr von einem anderen Verkehrsteilnehmer angefahren zu werden ist insbesondere in Ländern vorhanden, wo Menschen kaum Erfahrung mit Velofahrern haben.» Die Angst vor dem bösen Mann, der ihr hinter einem Busch auflauern könnte, hingegen, sei irrational. Kranke Typen gäbe es anderswo nicht mehr als in der Schweiz.

Neben den Ängsten steigt in ihr natürlich auch die Vorfreude. «Ich freue mich auf spannende Begegnungen. Aufs Staunen, wie Dinge in anderen Ländern ganz anders sein können.» Das sei fast wie nochmals Kind zu sein, wenn man täglich neue Erfahrungen sammeln dürfe. Und Neues wird sie in den nächsten zwölf Monaten sicher vieles entdecken.

Erstveröffentlichung: Neue Fricktaler Zeitung

Dieser Beitrag hat 2 Kommentare

  1. Hallo Andrea,

    sobald du aufs Velo gestiegen und losgefahren bist verfliegt dein Angst , versprochen. Gute Veloreise mit vielen Erlebnissen.

    Grüße Otto

    Flyer-Fahrer

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